Nicole Altenkirch ist Betriebsleiterin bei der Zittauer Schmalspurbahn.
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Nicole Altenkirch ist Betriebsleiterin beim Boahnl. Auf so einem Posten gibt es bundesweit kaum eine Frau.
Es soll mitunter ja immer noch passieren, dass kleine Jungs auf die Frage nach ihrem späteren Berufswunsch antworten: Lokomotivführer. Von Mädchen wird man diese Antwort ganz gewiss nur sehr selten hören. Nicole Altenkirch (34) war da womöglich als Kind die Ausnahme. Mit reichlich Eisenbahner-Genen ausgestattet kam sie zur Welt. Heute ist sie Betriebsleiterin bei der Zittauer Schmalspurbahn. Auch wenn Eisenbahn schon lange keine Männersache mehr ist – auf diesem Posten ist Nicole Altenkirch bundesweit eine ganz seltene Besetzung. Momentan macht sie in ihrem Unternehmen die schwerste Zeit ihrer bisherigen Berufslaufbahn durch.
Nicole Altenkirch stammt aus der Nähe von Niesky. „Meine Mama war Weichenwärterin, mein Papa erst Fahrdienstleiter und später Lokführer“, erzählt sie – als hätte das im Wortsinn die Weichen für ihr eigenes Berufsleben gestellt. „Die Eisenbahn war in der Familie schon immer gegenwärtig“, erinnert sie.
Zu jung für große Lokomotiven
Mit 16 Jahren begann sie dann in Zittau tatsächlich eine Ausbildung als „Eisenbahnerin im Betriebsdienst“ bei der damaligen „Sächsisch-Böhmischen Eisenbahngesellschaft“. Das Unternehmen besorgte damals mit alten West-Schienenbussen den Bahnverkehr auf der Mandaubahn zwischen Zittau und Eibau. Dort begann sie auch eine Ausbildung als Lokführerin, wechselte aber zur Pressnitztalbahn („Press“), wo sie die Lokführerausbildung 2011 abschloss.
Und mit dieser Qualifikation – ohnehin selten bei Frauen – stand sie vor einem Problem: Sie hätte daheim ihre Modelleisenbahn bedienen dürfen – aber keine richtige Lokomotive. Das hatte rechtliche Gründe. „Man durfte erst ab einem Alter von 21 Jahren Lok fahren. Ich war erst 19“, erzählt sie. Mittlerweile sind Ausnahmen möglich, wenn man seine „geistige Eignung“ durch Vorlage eines medizinisch-psychologischen Gutachtens beim Eisenbahnbundesamt nachweist.
Nicole Altenkirch musste sich also unter ihrer Qualifikation verdingen – tat dies immerhin aber auch bei der Eisenbahn. „Ich habe als Rangierbegleiterin im Werk Kodersdorf und als Zugbegleiterin im ‚Rasenden Roland‘ auf Rügen gearbeitet“, erzählt sie.
Später fuhr sie dann schließlich auf Diesellokomotiven der „Press“ bundesweit Güterzüge. Die „Press“ betreibt unter anderem auf Rügen den „Rasenden Roland“ und ist bundesweit mit annähernd 100 Diesel- und Elektrolokomotiven ein bedeutender Eisenbahndienstleister. Nicole Altenkirch weiß sehr wohl um die Verantwortung dieses Berufs und ist stolz darauf. „Solche Massen zu bewegen, die Kontrolle darüber zu haben, das ist schon etwas Besonderes“, sagt sie, und: „Das macht unfassbar viel Spaß.“
Ein exotischer Posten
Etwas anderes als Eisenbahn kommt für die junge Frau nicht mehr infrage. Aber das Leben auf der Diesellok bei der „Press“ hatte auch einen Preis: Sie war oft fernab von daheim. Ein Familienleben ist unter diesen Umständen nicht so einfach – erst recht nicht, wenn man auch einen Kinderwunsch hat.
Ich kenne in unserem Netz jeden Stein und jede Schraube.
Nicole Altenkirch heuerte alsbald bei der Zittauer Schmalspurbahn an, absolvierte ein Fernstudium der Verkehrstechnik. 2017 wurde sie stellvertretende Betriebsleiterin. Der Stellvertreter-Posten funktionierte noch ohne spezielle Ausbildung in diesem Bereich. Die wurde aber nötig, als sie zur Betriebsleiterin aufsteigen sollte. In dieser Ausbildung zeigte sich, wie exotisch Frauen auf diesem Posten bei Eisenbahnverkehrsunternehmen sind. „Von 18 Kursteilnehmern gab es außer mir nur noch eine andere Frau“, sagt sie.
Als Betriebsleiterin ist Nicole Altenkirch unter anderem für die Instandhaltung und die Fahrzeugtechnik zuständig. „Am Ende bin ich für alles verantwortlich“, sagt sie lachend. Der Job bringt mitunter auch harte körperliche Arbeit mit sich. Das macht ihr nichts aus. „Das Schöne an so einer Eisenbahn ist die Abwechslung. Ich bin auch immer wieder gerne auf Arbeitszügen und mache mir die Finger schmutzig“, sagt sie. Das ist jedes Jahr besonders in der mehrwöchigen Betriebspause der Fall, wenn immer wieder Streckenabschnitte saniert werden.
Sorge um Verlust von Fahrgästen
„Ich kenne in unserem Streckennetz jeden Stein und jede Schraube“, sagt Nicole Altenkirch selbstbewusst. Dabei ist sie sich für keine Arbeit zu schade. „Ich habe auch schon Züge geputzt. Jede Tätigkeit ist wichtig und nicht abwertend“, sagt sie, und: „Bei der Bahn ist vor allem Teamarbeit notwendig.“
Ich fühle mich als Teil der touristischen DNA.
Das Team wird gerade auf eine harte Probe gestellt. Wegen der Kürzung staatlicher Mittel wird die Schmalspurbahn Fahrzeuge abstellen und Personal entlassen müssen. „Wir überlegen gerade, wie wir Fahrpläne optimal umstellen können“, sagt sie. Das Ziel: Es sollen durch ausfallende Züge möglichst wenig Fahrgäste verloren gehen. „Es ist schwer, verloren gegangene Fahrgäste wieder zurückzugewinnen“, sagt sie, und: „Ich fühle mich als Mitarbeiterin der Schmalspurbahn als Teil der touristischen DNA.“
Quelle: SZ Zittau, 11.10.2026, Markus van Appeldorn